"Das frisch gedruckte Buch von meinem Freund Cafer Kocadağ “Das fliegende Fahrrad“ habe ich fast mit einem Atemzug gelesen. Nicht weil es 155 Seiten hat, sondern weil es für mich eine Zeitreise in meine eigene Kindheit war. Denn die Geschichten, die Cafer in 20 Kapiteln aus seiner persönlichen Erfahrung zusammengetragen hat, sind fast identisch die der Meinen. Daher ist es kein Wunder, dass ich das Buch mit betroffener Begeisterung gelesen habe. Und es mir natürlich sehr gefallen hat.
Wir teilen mit Cafer die Herkunftsregion, das Ankunftsland und die Ankunftszeit, die gleichen Begegnungen mit der uns fremden Gesellschaft und Kultur. Wir kommen aus einem kurdischen Dorf im Osten der Türkei und landen in der geteilten Großstadt Berlin im Kindesalter, ohne zu ahnen, warum und was uns erwartet. Nicht allein die neue Heimat und die Wechselwirkung mit ihrer Kultur, sondern auch die Auseinandersetzung mit den Werten unserer Elterngeneration stellten uns vor ungewöhnlichen Herausforderungen. Als klassische Mitglieder der zweiten Generation der deutschen Migrationsgeschichte nach dem zweiten Weltkrieg schlagen wir uns durch. Wir haben nicht nur persönliche, sondern auch politische Kämpfe geführt; denn die Auseinandersetzung mit den Widersprüchen und den Ungerechtigkeiten, denen wir in unserem Leben begegnet sind, haben unsere Politisierung geprägt.
Mittlerweile sind wir seit Jahrzehnten angekommen und haben Wurzeln geschlagen. Nicht alle sind den gleichen Weg gegangen. Die Beleuchtung und Aufarbeitung der Prozesse, die die zweite Generation durchgemacht hat, sollten nicht nur Gegenstand der Soziologie und Politik sein, sondern auch der Literatur. Das Buch „Das fliegende Fahrrad“ ist eine der wenigen Beiträge dazu."
Garip Bali, Januar 2025/Berlin