Woher kommst du?

Kategorie: Kurzgeschichten

„Du, ja Du, woher kommst du?“


Tanja: Papaaa, du hörst mir gar nicht zu, wenn ich mit dir rede.

Papa: Doch das tue ich.

Tanja: Leg das Buch weg.

Papa: Ich war so vertieft, dass ich den Anfang verpasst habe. Leg los, ich höre dir zu.

Tanja: Erst wenn du das Buch weglegst, sonst hörst du mir nicht zu.

Papa: Na gut, so jetzt aber, ich bin gespannt.

Tanja: Papa, die fragen mich, wo ich herkomme?

Papa: Wer fragt dich?

Tanja: Diesmal hat Annika gefragt, wo ich herkomme?

Papa: Ist sie aus deiner Klasse?

Tanja: Nein, im Hort ein Mädchen aus der Parallelklasse 4a. Tanja seufzt ganz laut und schaut fragend.

Papa: Das ist nicht das erste Mal, in der Dritten hatte dich doch auch ein Mädchen gefragt. Und was hast du gesagt?

Tanja: Ich bin von hier und musste lachen.

Papa: Hast du denen nicht erklärt, wer du bist?

Tanja: Doch, ich habe schon mal denen das erklärt, aber die verstehen das nicht. Die glauben nicht, dass ich hier geboren bin. Ich habe einfach keine Lust mehr. Dann bin ich spielen gegangen.

Papa: Das tut mir leid, mein Schatz, das finde ich auch nervig, wenn die Klassenkameraden dich so etwas fragen. Ich finde es auch schwer, auf diese Frage eine passende Antwort zu geben. Das ist nicht nur für dich nervig und schwer, auch für uns Erwachsene ist das so.


Es ist Frühling und die Sonne erhitzt die Wohnung immer öfter wie in Spanien. Bisher war es ein ganz und gar normaler Tag, wie ihn Millionen Menschen in diesem Land erleben. Aufstehen, Frühstück vorbereiten, Kinder wecken, Brote schmieren, Wasserflasche füllen, den Kindern guten Schultag wünschen. Dann selbst zu Ende frühstücken, den Tee austrinken, Tisch aufräumen und mich an die Arbeit machen. An Computer setzen und tippen. Dann Mittagessen kochen, auf die Kinder warten, dass sie von der Schule kommen. Ja, ein ganz normaler Tag, wenn da dieses gewisse Andere nicht wäre.  Dieses gewisse Andere, dass uns immer wieder aufs Brot geschmiert wird, dass wir anders seien, dass wir doch irgendwie nicht dazugehören würden. Dieser kleine Unterschied zwischen uns, den meine Tochter von zehn Jahren jetzt erlebt. Wie kann ich das meiner Tochter nur erklären? Ich hätte überhaupt nichts dagegen, ein stinknormaler langweiliger deutscher Vater zu sein und hätte viel lieber über die Schulaufgaben gesprochen. Stattdessen muss ich mich wieder mit Anderssein beschäftigen.

  

Papa: Weißt du noch die Geschichte in der Bank? Mich hat doch so ein gleichaltriger Mann laut und mit Absicht geduzt. 

„Du, ja Du, nach dir bin ich dran!“ ,

hat er laut in die Bank gebrüllt und zeigte mit seiner ausgestreckten Hand und dem Zeigefinger auf mich. So laut, dass man ihn noch im Vorraum, wo sich die Geldautomaten befanden, hören konnte. Ich war geschockt und fühlte mich sogleich bedroht, denn so einen Angriff habe ich gar nicht erwartet. Wie das so ist, wenn man in einer Schlange wartet. Man versinkt vor Langeweile immer in seine Gedanken. Der Überraschungseffekt war ihm gelungen. Er hat mich voll erwischt. Wir müssen immer mit einem Angriff rechnen, so aus heiterem Himmel, dass wir  gar nicht vor uns hinträumen  dürfen. Diese Leichtigkeit und Sorglosigkeit der weißen Deutschen im Alltag, die können wir uns gar nicht leisten. Eben auch in einer Bank nicht. 

Früher als mein Vater mich an der Hand zur Dresdner Bank mitnahm, war es da drin so still wie auf dem Friedhof. So ein rüpelhaftes Benehmen wäre damals nicht möglich gewesen. Etwas Mysteriöses lag in der Arbeit der Bankangestellten damals. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass Deutsche nicht über Geld sprachen, wie gemeinhin erzählt wurde. Oder Geldgeschäfte generell nicht so laut und offen inszeniert wurden wie im Orient. Nach gründlicher Überlegung denke ich, das ist doch ein Finte der Reichen, damit sie ihr Reichtum bei den Armen nicht rechtfertigen müssen. Sie führten diese eiserne Regel der Reichen, das Bankgeheimnis, ein, um ihre Millionen zu verbergen. 

Insbesondere die Kassiererin, eine etwas ältere stark bebrillte Dame mit einem Kragenpullover und einem tannenwaldgrünen Rock bis zu den Knöcheln, über ihre Lippen nie ein Lachen huschte, geschweige denn eine Reaktion, die ich ablesen konnte, sie nickte kurz mit dem Kopf, geräuschlos, konzentriert, beeindruckte mich ganz besonders. Immer suchte ich ein Lebenszeichen in ihrem Gesicht. Sie erinnerte an ein Gespenst, das zufällig an der Kasse arbeitete. Die Bankgeschäfte liefen wie das Bankgeheimnis der Schweiz. Geräuschlos, leise und unheimlich.  Wenn sie die Kunden, alle gleichermaßen, mit einer gleichlautenden Grußformel, die ich nicht verstand, mit monotonen leicht zuckenden Lippen grüßte, lief mir schon der Schauer den Rücken runter. Man wusste nicht, ob die Wächterin des Geldes, das ersparte Geld rausrückte oder nicht. Ich dachte mir, wehe wir sagen ein falsches Wort, dann wars wohl mit dem hart Ersparten. Ich achtete darauf, sie nicht zu verärgern und benahm mich immer brav. Das war schließlich eine Bank und kein Spielplatz.  

 Das hat sich heute, wie die Bankbesuche zeigen, geändert. 

In einer Bank erwartet man für gewöhnlich einen Banküberfall, aber doch nicht eine herabwürdigende Ansprache. Ich war mit meinen Gedanken ganz woanders. In einer Bank, da denkt man an seine Bankgeschäfte und aktuell dachte ich an die neuen Debitkarten, die die Bank mit den Girokarten austauschte.   

Ich war völlig verdutzt und verlegen. Ich wusste gar nicht was gerade geschah.

Dann musterte ich ihn einige Sekunden von unten nach oben und blieb bei seinen Augen stehen.  Meine Augen wanderten dann zur Kassiererin, dann zur Warteschlange hinter mir. Niemand sagte etwas.  Der Typ war schon laut reingekommen und ohne sich einzureihen sofort zur Kasse gegangen und hatte dort laut mit der Kassiererin geredet, dass alle ihn bis hin zu den Geldautomaten im Vorraum hörten. Ich erwartete eine Reaktion von der Bank. Dass sie ihn tadelten oder mäßigten. Aber nichts dergleichen geschah. Wut kam in mir hoch, als ich keine Reaktion von den Bankangestellten sah. Es waren zwei Damen in diesem Kassenbereich. Nicht nur Wut auch meine Galle machte sich bemerkbar. Mir kam das Kotzen auf gut Deutsch.  Bevor ich etwas sagen konnte, legte er schon wieder los: 

„Du, nach dir bin ich dran, nicht dass sich einer vordrängelt.“

Ich brüllte so laut ich konnte sofort los: „Was für ein Du, Sie heißt es, warum duzen Sie mich überhaupt?“ 

„Det is berlinerisch, locker vom Hocker, wenn du verstehst, wat ick meeine. Hier in Berlin duzen wir uns. Woher kommst du, dass du das nicht weißt?“, legte er munter nach.

Siehst du Tanja, da hat er mich doch tatsächlich gefragt, woher ich komme. Muss ich diese Frage beantworten? Ich lebe seit 50 Jahren in Deutschland, dein Opa seit 60 Jahren. Du bist hier geboren. Trotzdem fragen manche, woher du kommst. Das passiert bestimmt vielen Menschen, die nicht zum arischen deutschen Aussehen passen. Blaue Augen, blonde Haare, schneeweiße Haut. Diese Beschreibung ist natürlich eine Beleidigung für alle Deutschen, die nicht in das arische Korsett passen. Ist das Dummheit oder schon Rassismus? Ist das Ignoranz oder Arroganz, ist das Hitlers Blut und Boden oder ganz einfach Alltag in Deutschland 2024? In welcher Welt leben diese Leute?

Tanja: Papa erzähl die Geschichte zu Ende. Was ist dann passiert?

Papa: Dann hat er hinter all der Theatralik doch seinen Standpunkt verraten. Hinter seiner angeblich witzigen Berliner Schnauze, für mich war das gar nicht komisch, wie du dir das vorstellen kannst, zeigte er doch wirklich, was für ein Mensch er war. Nämlich ein einfacher dummer Rassist.

„Das ist doch Blödsinn, was Sie hier erzählen. Was spielt es für eine Rolle, woher ich komme. Sie haben mich zu siezen. Diese Benimmregel gilt auf der ganzen Welt. Haben Sie davon nichts gehört?  Haben Sie sich gedacht, dem zeige ich mal, was ein echter Deutscher so draufhat. Er ist ein Ausländer, der steht in der Hierarchie unter mir, den kann ich duzen. 

Die Mitarbeiter in der oberen Etage müssen uns auch gehört haben. Zwei gutangezogene Männer in Anzug und Krawatte, die wie man augenblicklich sehen konnte auch durchtrainiert waren und bestimmt ein paar Mal die Woche nach der Arbeit erst einmal ihre Muskeln in dem darüber liegenden Fitnesscenter aufpumpen gingen, kamen gerade die Treppe runter.

Er: „Jetzt schämst du dich auch noch zusagen, woher du kommst. Nicht einmal dazu stehen sie, diese Leute!“ 

Inzwischen versuchten die beiden herunter gekommenen Bankmitarbeiter uns zu beruhigen. Einer versuchte mich zu beruhigen, der andere flüsterte mit dem Rassisten und drängte ihn in den Vorraum mit den Geldautomaten.

Ich war über diese leise Diplomatie der Bankangestellten total sauer. Typisch, Rassisten werden mit Samthandschuhen angefasst, blitzte es durch mein Gehirn. 

„Warum darf dieser Mann hier überhaupt rein? Ich fordere Sie auf, diesen Mann rauszuschmeißen. Der beleidigt ihre Kunden. Der hat hier nichts zu suchen!“, brüllte ich immer noch ganz laut in die Bank rein.

Sollte ich eine Debatte über Rassismus führen? Es gab keinerlei Lebenszeichen, dass irgendein Mensch in der Bank das verstanden hatte und warum ich mich so aufregte. Die Bankangestellten schwiegen, die Schlange war reglos. 

Ich war ziemlich aufgeregt und nervös. Was wenn er ein durchgeknallter Rassist war? War er bewaffnet, ging mir durch den Kopf. Ich war, nein ich musste mutig sein, ganz geheuer war mir dabei nicht. Müssen wir mutig sein? Mutig sein ist anstrengend! Sich ducken, wegschauen, wegrennen ist dagegen so was von angenehm. Dieser gottverdammte Gerechtigkeitssinn, woher hatte ich den nur? Ich wusste es, von meiner Mutter. Ich hätte mir selbst in die Hand beißen können dafür. Warum suchte ich immer Ärger?


Dann war die Kasse frei und ich war dran. So blöd ich war, habe ich mich noch bei der Kassiererin für mein Schreien entschuldigt. Sie würden den Mann kennen, der wäre immer so laut und aufdringlich, sagte die Kassiererin.  

Heimlich schielte ich zum Vorraum, ob der Rassist noch da war oder vor der Tür auflauerte, um die Angelegenheit noch mit den Fäusten auszutragen. 

Später als ich mit Mama darüber sprach, sagte sie, warum ich die Bank nicht aufgefordert hätte, dem Rassisten ein Hausverbot zu erteilen, weil ich mich von ihm bedroht gefühlt hätte. Andernfalls würden wir die Konten bei dieser Bank kündigen.

Siehst du, mir fällt auch nicht immer die korrekte Lösung ein. In so einem Moment ist man doch verärgert, aufgeregt und hat keinen kühlen Kopf. Erfahrung macht klug!

Tanja: „Papa, Ich habe auch dazu gelernt. Entweder lache ich über diese Frage oder renne einfach weg.“


26.04.2024

ck

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